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Viel los an den Steckdosen: Stadtwerke Norderstedt testen dynamische Stromtarife

Interview mit Thorsten Meyer

NEW 4.0 hat sich als Ziel gesetzt, den überschüssigen Strom im hohen Norden zu verwerten. Das geschieht auf ganz unterschiedliche Art: Die Einen machen aus Strom Gas, die Anderen Wärme, die Dritten bauen Europas größten Akku. Die Stadtwerke Norderstedt sind dabei herauszufinden, ob es gesellschaftlich akzeptiert und kaufmännisch möglich ist, dynamische Stromtarife einzuführen.

Bereits im letzten Jahr saß Projektleiter Thorsten Meyer mit der Interviewerin Hanna Naoumis von NEW 4.0/ Cluster EEHH zusammen. Es war Zeit für ein Update. Herr Meyer, noch einmal zur Auffrischung. Erzählen Sie uns bitte, was das Hauptziel Ihres Projekts „dynamischer Stromtarif für Haushaltskunden“ ist.

Meyer: Die Stadtwerke Norderstedt wollen unterschiedliche Tarife konzipieren, die auf Basis der Kundenerfahrungen entwickelt werden. Die Tarife werden so gestaltet, dass sie Anreize liefern, die eigenen Verhaltensmuster derart zu verändern, dass je nach Verfügbarkeit Strom verbraucht beziehungsweise gespeichert wird oder Verbräuche verschoben werden.
Die Flexibilisierung von Stromlasten spielt hier auch eine Rolle: Im Rahmen von NEW 4.0 möchten wir mindestens 1.000 Testkunden überschüssige Windenergie zur Verfügung stellen und untersuchen, ob das Kundenverhalten zur Reduktion dieser so genannten Stromspitzen beitragen kann. Die Kunden bekommen vier schaltbare Steckdosen und den homee-Basiswürfel als Leihgabe. Sie können aber auch noch weitere Steckdosen anschließen. Die vier Steckdosen schalten sich automatisch durch die Verbindung zum Funknetz mehrmals am Tag abhängig von der Verfügbarkeit der überschüssigen Windenergie ein und aus. Diese Stunden sind zeitlich nicht planbar, da sie vom Wind abhängig sind.

Wie ist der Stand nach gut zweieinhalb Jahren Projektlaufzeit: Konnten Sie Norderstedter*Innen motivieren, an dem Projekt teilzunehmen?

Wir waren auf sehr vielen Veranstaltungen, im öffentlichen Raum und haben eigene Informationsveranstaltungen zum Projekt durchgeführt. Zudem haben wir sehr viele Haushalte angeschrieben und insgesamt viel Energie in die Akquise und Aufklärung zum Projekt gesteckt. Und es hat sich gelohnt! Stand 1. April 2019 haben wir über 600 Kunden online und 810 Kunden insgesamt akquiriert. Dabei sind die Verbräuche sehr unterschiedlich. Ein Kunde lädt zum Beispiel seinen Tesla oder E-Smart über die Steckdose und ein anderer benutzt sie für die Warmwasseraufbereitungs-Anlage und verbraucht dann schon bis zu 1400 kWh im Monat über die Steckdosen.

Haben Sie auch Daten für die gesamte Lastverschiebung sammeln können?

Ja! Es bewegt sich was. Wir haben eine sehr gute Dokumentationsgrundlage. Insgesamt betrachtet, über alle Steckdosen und alle Kunden gerechnet, konnten wir 67 MWh verschieben. Auf den einzelnen Kunden runtergerechnet sind das ca. 25 kWh, die verschoben werden konnten. Den Strom, der aus der homee-Steckdose kommt, berechnen wir mit 5 Cent pro kWh, das sind dann durchschnittlich 6-7 Euro im Monat Ersparnis. Das obere Drittel der Kunden spart bis zu 10-12 Euro im Monat.

Was haben die Kunden denn an ihre Steckdosen angeschlossen?

Das ist sehr unterschiedlich. Wir gehen regelmäßig auf die Kunden zu und fragen Sie nach der Nutzung und Ihrem Verhalten. Wir haben sehr stromintensive Geräte wie zum Beispiel einen Entfeuchter oder auch einen Warmwasseraufbereiter. So können wir heute schon „Power-to-Heat“ im Privathaushalt mit überschüssigem Windstrom realisieren. Viel genutzt werden Spülmaschinen, Waschmaschinen und Trockner. Kunden haben aber auch ein Wasserbett angeschlossen oder laden über die Dose ihr Elektroauto. Die Geräte sind meist schon in die Steckdose eingesteckt, wir schalten diese aus der Ferne dann nur noch an, wenn das Signal „Überschuss-Strom“ kommt.

Konnten Sie Änderungen des Nutzerverhaltens feststellen?

Es ist spannend zu sehen, wie sich das Nutzerverhalten geändert hat. Viele Kunden starten mittlerweile erst ihren Staubsauger, wenn Samstag das Signal kommt, dass überschüssiger Strom zur Verfügung steht. Ferner kann gewaschen und gesaugt werden, wenn wir, die Stadtwerke, es wollen. Das sind Ergebnisse, die wir aus einer Umfrage erhalten haben, messen können wir sowas natürlich nicht.

Erklären Sie bitte noch einmal, wie genau das Signal an den Kunden kommt.

Wir können den Kunden nicht im Voraus sagen, wann das Signal kommt. Sicher ist aber, dass der Zeitraum mindestens eine Stunde lang ist. Der  vergünstigte Tarif mit angeschalteter Steckdose kann mal zwei Stunden angeschaltet sein oder auch mal drei Wochen. Das wissen wir vorher nicht. Der Kunde bekommt über eine App eine Nachricht auf das Handy „der Tarif ist jetzt aktiv“ und in dem Moment gehen auch die Steckdosen an. An einer längerfristigen Prognose arbeiten wir derzeit mit Schleswig-Holstein Netz und ihrer Netz-Ampel.

Technisch ist also schon Vieles möglich. Wie sieht es denn mit dem Faktor Verhaltensänderung aus?

Das ist eine wichtige Frage bei uns: Was müssen wir tun, damit Menschen ihr Nutzerverhalten ändern? Sind es ethische Gründe oder finanzielle Anreize und wie müssten diese ausgestaltet sein? Wir sind gerade dabei unsere Kunden zu befragen, da werden genau solche Themen angesprochen. Ein typischer Anwendungsfall ist „Wäsche waschen“: Ich pack die Wäsche in die Trommel und stelle alles ein, mach die Steckdose aus. Wenn dann ein Signal kommt, geht die Steckdose an. Die Stadtwerke waschen dann sozusagen meine Wäsche. Es gibt hier keinen Mehraufwand, ich bekomme eine Nachricht, wann die Steckdose ein- und ausgeschaltet wird und kann sogar den homee so programmieren, dass ich eine Nachricht bekomme, wenn die Wäsche fertig ist. Das Gleiche gilt analog für Trockner oder Geschirrspüler. Bezogen auf die Arbeitsschritte gibt es keine Veränderung. Die Veränderung besteht darin, dass ich gegebenenfalls mein vorher festes Muster und die eigenen Gewohnheiten verlassen muss. Aber genau das ist die Herausforderung.

Das Projekt läuft noch bis Ende 2020. Was haben Sie bis dahin noch geplant?

Wir wollen noch weitere Kunden akquirieren und gerne auf 1000 Teilnehmer*innen kommen.
Zudem stoßen wir gerade weitere Kooperationen an. BSH Hausgeräte sind auf uns zugekommen. Sie haben extra ein Gateway entwickelt, das wir nutzen wollen. Die Steckdose bei unseren Kunden kann dann konstant „an“ bleiben. Sie würde nicht aus- oder eingeschaltet werden wie heute noch, sondern über das Gateway würde ein Signal an die Haushaltsgeräte gehen. Die Steckdose misst weiterhin nur die abgenommene Leistung zur Rabattierung. Die Schnittstelle, über die das Signal kommuniziert wird, ist EEBus – das ist eine neue einheitliche „Geräte-Sprache“, die im Smart-Home-Kontext zum Einsatz kommt.

Eine andere Kooperation ist mit MENNEKES – einem Wallbox-Hersteller für E-Autos. Die benutzen auch ein EEbus-Gateway, mit denen wir 18 Wallboxen steuern und so entscheiden können, welches Auto mit wieviel kW geladen wird. Wir reden hier also über netzdienliches und intelligentes Laden.

Dann haben wir aktuell noch eine Kooperation mit der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Ein Masterstudent entwickelt ein Akkusystem inklusive Gleich- und Wechselrichter und prüft, ob es machbar ist, diesen über die Steckdosen zu laden, damit Kunden in der Abnahme frei sind. Wir würden also den Akku bereitstellen und laden, wenn wir Strom übrig haben. Der Kunde kann aber frei – in seinem üblichen Verhalten – seine Geräte laden. Wir werden den Strom los, der Kunde hat eine Vergünstigung und das Netz wird gleichzeitig entlastet.

Auch mit der Technischen Universität Hamburg arbeiten wir zukünftig zusammen. Im Rahmen einer Doktorarbeit wird eine Technik aufgebaut, die automatisch entscheidet, ob ein Gebäude über Gas oder über Strom geheizt wird. So bringen wir auch die Sektorkopplung ein Stück voran, die ein wichtiges Thema im Rahmen von NEW 4.0 ist.

Gemeinsam bauen wir derzeit auch eine Kooperation mit Audi im Themenfeld E-Mobility auf, die zukünftig sehr stark auf E-Autos setzen werden. In einem ersten Schritt geht es darum, gegenseitiges Verständnis zwischen Stadtwerken und Herstellern aufzubauen und den Informationsfluss zu fördern. Ziel der Stadtwerke ist es in diesem Rahmen, ein netzdienliches Ladekonzept zu erstellen, um Wallboxen schalten zu können.

Quelle: NEW 4.0

 

Hanna Naoumis, NEW 4.0

Hanna Naoumis

Erneuerbare Energien Hamburg Clusteragentur GmbH
B2B Marketing