Deshalb wurden in den SINTEG-Schaufenstern neben geeigneten Beteiligungsmechanismen auch relevante Erfolgsfaktoren für Beteiligung erprobt. Die Ergebnisse greifen diverse Aspekte auf, wie vorherrschende Wertesysteme und individuelle Motivationen sich an der Energiewende zu beteiligen (z. B. Klimawandel), intrinsische Interessen (z. B. an erneuerbaren Energien) sowie die Bereitschaft zum Handeln entsprechend der individuellen Überzeugung. Ziel ist es, entsprechend diesen Voraussetzungen passgenaue Formate und Kommunikationskanäle für eine konstruktive Einbeziehung und Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern aufzuzeigen.

Partizipation wird oft (noch) nicht wahrgenommen

Umfragen zeigen, dass Menschen durchaus bereit sind, sich in die Energiewende einzubringen. Mit der fortschreitenden Digitalisierung und Flexibilisierung des Energiesystems der Zukunft bieten sich zudem immer mehr Möglichkeiten, damit Endverbraucherinnen und Endverbraucher in Haushalten auch tatsächlich aktiv zur Energiewende beitragen können, beispielsweise als Prosumer (also in Energie produzierender und konsumierender Rolle zugleich). Die Herausforderung besteht darin, den Wunsch nach Partizipation an der Energiewende mit konkreten Maßnahmen zu verbinden. Denn: Maßnahmen und ihre Auswirkungen für die Energiewende sind für viele Menschen im Alltag häufig unsichtbar. Energieeffizienzmaßnahmen oder Strompreiserhöhungen hingegen werden sehr wohl wahrgenommen, jedoch vor allem als Kostenfaktoren betrachtet. Es hakt oft an der nicht wahrgenommenen Verbindung zwischen Maßnahmen im Einzelnen und der Energiewende als Ganzem.

Somit muss in Zukunft bei Bürgerinnen und Bürgern ein stärkeres Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass sie bereits ein wesentlicher Teil der Energiewende sind oder in Zukunft sein können. Dabei ist es essenziell, verständlich aufzuzeigen, welche Schritte für eine erfolgreiche Energiewende notwendig sind, welche (auch nicht-finanziellen) Mehrwerte damit erzeugt werden und wie eigene Beiträge konkret aussehen können.

Beteiligung ist Voraussetzung für Erfolg

Eine breite gesellschaftliche Unterstützung und eine zunehmende Beteiligung der Bevölkerung sind entscheidend für die erfolgreiche Umsetzung der Energiewende. Denn bei fehlender Akzeptanz droht die Energiewende ins Stocken zu geraten, z. B. wenn entsprechende Maßnahmen im Lebensalltag nicht angenommen werden. Dafür sollten insbesondere passive Befürworterinnen und Befürworter eine aktivere Rolle in der Energiewende einnehmen und gleichzeitig gänzlich „Unbeteiligte“ für die Energiewende gewonnen werden.

Niedrigschwellige Angebote als „Türöffner“

Damit Partizipation in Zukunft erfolgreiche und sinnvolle Praxis im Kontext der Energiewende werden kann, muss sie früher ansetzen als beim reinen Aufzeigen von vorgegebenen bzw. bereits entschiedenen Handlungsoptionen. Austausch und Dialog mit breiten gesellschaftlichen Gruppen und entsprechende Resultate gilt es in die Gestaltung von Maßnahmen einzubeziehen. Hierbei wird nicht nur Wissen vermittelt und Verständnis gefördert. Vielmehr werden Bürgerinnen und Bürger befähigt, eine inhaltlich fundierte und mündige Rolle im Rahmen der Energiewende einzunehmen. Dies wiederum zahlt sich positiv auf die Akzeptanz von Maßnahmen aus.

Im SINTEG-Synthesefeld Partizipation & Akzeptanz wurden Blaupausen zur Einbindung der Bevölkerung erarbeitet. Sie dienen dazu, Personen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft dabei zu unterstützen, jeweils für sie geeignete Formate zur Beteiligung einzusetzen. Insbesondere richten sich diese Blaupausen an die Kommunalpolitik, lokale Energieversorger, Stadtwerke sowie Expertinnen und Experten aus den Bereichen Beteiligung und Kommunikationswissenschaften.

Eine dieser Blaupausen beschäftigt sich mit der Einbindung bisher „Unbeteiligter“,also Menschen, die sich bislang nicht als Teil der Energiewende verstehen. Die SINTEG-Schaufenster haben demonstriert, dass dieser Aspekt ein Schlüsselfaktor für den Erfolg der Energiewende sein kann, der sich durch niedrigschwellige Beteiligungsformate vielfältig adressieren lässt.

Folgende vier Erfolgsfaktoren haben sich dabei herauskristallisiert:

Innovative Ideen wecken Begeisterung
In eine Straßenbahn einsteigen und während der Fahrt in mehreren einminütigen Vorträgen erfahren, was die Energiezukunft mit sich bringt – diesen Ansatz hat das Schaufenster C/sells mit den „Tram Talks“ erfolgreich umgesetzt. Einen ähnlich kreativen Ansatz erprobte das Schaufenster enera: Per Radtour auf E-Lastenfahrrädern durch Ostfriesland wurde die Energiewende durch zufällige Begegnungen an Menschen vor Ort vermittelt. Weitere Formate wie diverse Wettbewerbe der WindNODE Challenge und Energy Meets haben es geschafft, bisher unbeteiligten Gruppen in ihrem Alltag anzusprechen und eine natürliche Verbindung zu den Themen der Energiewende herzustellen.

Verständliche, interaktive Aufbereitung bietet einfachen Zugang
Mit einem spielerischen Ansatz per Roadshow hat das Schaufenster NEW 4.0 die Energiewende für Bürgerinnen und Bürger konkret erfahrbar gemacht. Insbesondere begeisterte die lokale Verankerung der präsentierten Inhalte. Ähnlich hat das Schaufenster WindNODE gezeigt, dass verständlich aufbereitete Informationen – wie aus dem WindNODE Showroom Energiewende – bisher Unbeteiligten einen einfachen Zugang zur Energiewende ermöglichen können.

Kooperation mit lokalen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren schafft regionale Relevanz
Der Energiewende „Gesichter“ zu geben ist ein Ansatz, den mehrere Schaufenster erfolgreich umgesetzt haben, indem lokal bekannte Multiplikatorinnen und Multiplikatoren wie Vereine oder Entscheidungsträger aus der Politik gezielt Berührungspunkte mit der Energiewende geschaffen haben. Ähnlich hat das Schaufenster DESIGNETZ in diversen Demoprojekten mit Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitikern zusammengearbeitet, um den regionalen Kontext der Energiewende zu beleuchten. Förderlich ist dabei ein gefestigtes Vertrauensverhältnis zu diesen Personen sowie ihre positive Wirkung in der Öffentlichkeit.

Vor-Ort-Präsenz fördert Dialog
Persönliche Gespräche auf Augenhöhe, z. B. auf dem lokalen Marktplatz, können vor allem bei älteren „Unbeteiligten“ Vertrauen schaffen und effektiv Verständnis fördern. Denn gerade diese Gruppe ist über Online-Kanäle wie Soziale Netzwerke nur bedingt zu erreichen. Bedenken, Sorgen und Ängste der Menschen können gezielt adressiert werden – unabhängig vom jeweiligen Kenntnisstand und der individuellen Meinung. Neben dem Senden der eigenen Botschaften ist dabei das aktive Zuhören essenziell, sodass z. B. Beteiligungsformate in Zukunft weiter geschärft und an lokale wie regionale Bedürfnisse angepasst werden können.

Experten-Zitat

„SINTEG hat klar gezeigt, dass Ziele und Sinn der Energiewende noch nicht überall angekommen sind. Bislang „Unbeteiligte" sind deshalb eine wichtige Zielgruppe, die es zu involvieren gilt. Nur so können vor allem komplexe und unbequeme Maßnahmen der Energiewende in der Gesellschaft verstanden und akzeptiert werden.“

Hanno Focken, SINTEG-Ergebnissynthese

Was bleibt nach SINTEG?

Heute noch „Unbeteiligte“ können morgen bereits einen aktiven Beitrag zur Energiewende leisten. Flankierende Entwicklungen wie der Hochlauf der E-Mobilität können dazu beitragen, z. B. wenn künftig mit intelligenter Ladesteuerung Netze entlastet werden. Immer mehr Haushalte agieren zudem als Prosumer. Einmal aktiv, erschließen sich Bürgerinnen und Bürgern auch technische und marktliche Formen der Partizipation noch einfacher.  Entsprechende Beteiligungsformen orientieren sich aktuell jedoch nicht an den Bedürfnissen von Nutzerinnen und Nutzern. Sie haben vielmehr die technische Machbarkeit sowie Wirtschaftlichkeit im Blick. SINTEG hat die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer stärker in den Fokus gerückt und konkrete Möglichkeiten der Einbindung getestet, z. B.:

Dynamischer Strommarkttarif
Mit dem dynamischen Strommarkttarif der Stadtwerke Norderstedt hat NEW 4.0 den Stromverbrauch von Haushalten durch finanzielle Anreize beeinflusst. Rund 1.000 Haushalte wurden mit jeweils vier schaltbaren Steckdosen ausgestattet – ein Smart Meter war zumeist schon vorhanden. Per App und einem Farbschema an den Steckdosen konnten die Haushalte erkennen, ob überschüssige Windenergie verfügbar ist und diese entsprechend vergünstigt nutzen.

Intelligentes Stromsparen
Durch das smarte Auslese- und Kommunikationsmodul SAM hat enera Haushalte in Norddeutschland beim Stromsparen unterstützt. Das Modul wurde an moderne Messeinrichtungen von Haushalten angeschlossen und erfasste den Stromverbrauch. Informationen wurden per App bereitgestellt, sodass Haushalte ihren Verbrauch gezielt reduzieren konnten.

Flexibilitätsplattform gegen Netzengpässe
Um Netzengpässe im Verteilnetz auch dezentral zu lösen hat C/sells die Flexibilitätsplattform Altdorfer Flexmarkt (ALF) erfolgreich eingesetzt. Mit intelligenten Messystemen und der ALF-App konnten Haushalte und Unternehmen eigene kleine Flexibilitätsoptionen – z. B. durch PV-Anlagen oder Nachtspeicherheizungen – vermarkten und zur Verfügung stellen.

Management von Stromüberschuss
DESIGNETZ hat mit dem mehrstufigen Energiemanagementsystem Energiewabe Rhein-Hunsrück-Kreis getestet, wie lokaler Überschussstrom in Haushalten optimal genutzt werden kann. Denn in der Projektregion übersteigt die Stromproduktion aus regenerativer Erzeugung oft den lokalen Bedarf. Dieser Überschuss wurde lokal gebündelt und bei zu hoher Netzbelastung oder bei Spannungsschwankungen eingesetzt.

Diese in SINTEG erprobten Partizipationsmöglichkeiten können auf unterschiedlichste Regionen in Deutschland übertragen und angewendet werden. Dynamische Anpassungen im Energiesystem (z. B. im Zuge einer Digitalisierung) erfordern jedoch eine kontinuierliche Weiterentwicklung der entsprechenden Beteiligungsformate, damit die Bereitschaft von Haushalten zur Partizipation langfristig erhalten bleibt.

Ausblick auf den Ergebnisbericht

Der zu einem späteren Zeitpunkt erscheinende Ergebnisbericht zu Partizipation & Akzeptanz greift über diesen Fokusbeitrag hinaus weitere Beteiligungsmöglichkeiten an der Energiewende auf und beschreibt diese ausführlich. Zentrales Thema des Ergebnisberichts sind zukünftige Partizipationsmöglichkeiten im Rahmen der Energiewende. Insbesondere geht er dabei auf Akzeptanzförderung ein und fokussiert partizipative Elemente wie Dialog sowie konkrete technische und marktliche Einbindung.

Nach dem Fokusbeitrag zu netzdienlichen Flexibilitätsmechanismen ist dieser Beitrag bereits der zweite Beitrag in einer Reihe von Fokusbeiträgen aus dem SINTEG-Vorhaben, die die einzelnen Fokusthemen aufgreifen. Weitere Fokusbeiträge auf dieser Webseite entstehenauch zu den einzelnen Synthesefeldern Flexibilitätspotenziale und Sektorkopplung, Digitalisierung und Reallabore. Die Beiträge geben jeweils einen kurzen Einblick in die noch folgenden umfassenden Ergebnisberichte. Die Ergebnisberichte stehen nach Fertigstellung als Publikation zum Download zur Verfügung.