SINTEG-Fachkongress | Flexibilisieren. Digitalisieren. Partizipieren.

Das Förderprogramm „Schaufenster Intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ (SINTEG) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) hat seinen krönenden Abschluss am 19. Mai 2022 auf dem SINTEG-Fachkongress zur Zukunft der Energiewende gefunden. Auf dem Kongress wurden die jüngst veröffentlichten SINTEG-Syntheseergebnisse anhand der drei Schwerpunkte „Flexibilisieren, Digitalisieren, Partizipieren“ präsentiert und diskutiert. Expertinnen und Experten aus den SINTEG-Schaufenstern und der Energiefachwelt haben in Form von Blitzvorträgen und Paneldiskussionen die SINTEG-Ergebnisse im Lichte aktueller Debatten rund um Klimaschutz- und energiepolitische Fragestellungen erörtert. Rund 130 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Technik, Wissenschaft und Politik sind dafür im Tagungswerk Berlin zusammengekommen.

Foto-Galerie: SINTEG-Fachkongress 2022

SINTEG im Kontext der aktuellen energiepolitischen Lage

Im Rahmen von SINTEG wurden Ansätze und Lösungen entwickelt, wie nahezu 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien sicher und verlässlich in ein digitalisiertes Energiesystem integriert werden kann. Dabei haben über 300 Projektpartner aus Wissenschaft und Wirtschaft in fünf Modellregionen zusammengearbeitet und Hunderte Blaupausen und Detailblaupausen entwickelt. Gerade angesichts der ambitionierten Klimaziele der Bundesregierung ist ein Ausstieg aus fossilen Energieträgern und damit beschleunigter Ausbau von Erneuerbaren Energien dringend notwendig. Der Handlungsdruck wird durch die aktuelle energiepolitische Lage durch den Ukraine-Krieg verstärkt, denn Deutschland sieht sich enormen Herausforderungen konfrontiert, wie die Gewährleistung der Energieversorgung und -sicherheit, die Schaffung wirtschaftlicher Resilienz oder die steigenden Energiepreise. SINTEG hat gezeigt, wie Initiativen und Ideen einen großen Beitrag zur Energiewende leisten können und dass es für den umfassenden Transformationsprozess das Mitwirken aller Bedarf.

Grußwort-Zitat

„Auch nach Abschluss des Förderprojektes sind die SINTEG-Themen Flexibilisieren, Digitalisieren und Partizipieren so aktuell wie nie. Denn die Energiewende hat deutlich an Fahrt aufgenommen. Die neue Bundesregierung wird die vielfältigen Herausforderungen rund um ein klimaneutrales Energiesystem engagiert anpacken und dafür benötigen wir praxistaugliche Lösungen. [...] Mit den SINTEG-Ergebnissen haben wir einen Baukasten an Lösungen vorliegen, den wir nutzen können”.

Dr. Patrick Graichen, Staatssekretär im BMWK

Das Energiesystem der Zukunft – was jetzt geschehen muss

Eine erfolgreiche Energiewende und industrielle Transformation erfordern einen beschleunigten Ausbau Erneuerbarer Energien und verschiedenen Optionen, Energie zu speichern.  Zudem ist es von großer Bedeutung, die Dekarbonisierung in den Bereichen Wärme, Verkehr und Industrie zu forcieren. Die Bundesregierung steht vor großen Herausforderungen, die es für das Energiesystem der Zukunft zu bewältigen gilt: die Energieversorgung für alle in Deutschland sichern, Fachkräfte ausbilden sowie Technologie-Souveränität in Schlüsseltechnologien (z.B. Elektrolyse, E-Mobilität, Wärmepumpen) entwickeln. In Anbetracht der aktuellen energiepolitischen Lage ist zudem eine massive Reduzierung der Importabhängigkeit von Energie und Schaffung wirtschaftlicher Resilienz entscheidend. Hier kann laut Prof. Dr. Werner Beba, ehemaliger Koordinator des Schaufensters Norddeutsche EnergieWende 4.0, SINTEG ansetzen: „Das Projekt hat gezeigt, dass große Verbundprojekte als Netzwerk ein enormes Innovationspotenzial haben und komplexe Systeme im Rahmen von Reallaboren in einem praktischen Umfeld erprobt und zur Machbarkeit forciert werden können.“

Vorstellung SINTEG-Syntheseergebnisse

Expertinnen und Experten haben in den letzten zwei Jahren die Ergebnisse der fünf SINTEG-Schaufenster in fünf Syntheseberichte zusammengeführt: (1) Flexibilitätspotenziale und Sektorkopplung; (2) Netzdienliche Flexibilitätsmechanismen; (3) Digitalisierung; (4) Pionier für Reallabore; (5) Partizipation und Akzeptanz. In Form von übertragbaren Lösungen, sogenannte Blaupausen, werden die Ergebnisse und Erkenntnisse zugänglich gemacht. Diese wurden von den Projektleiter:innen der Ergebnissynthese Dr. Christian Nabe und Dr. Karoline Steinbacher von Guidehouse anhand einer interaktiven Infografik vorgestellt.

Themenblock Flexibilisieren || Flexpotenziale und Flexmärkte

Flexibilität ist der Schlüssel zum Energiesystem der Zukunft: Die Energiegewinnung aus Erneuerbaren Energien wie Wind und Solar ist wetterabhängig. Eine sichere Stromversorgung im Zuge der Energiewende ist demnach nur möglich, wenn das Stromsystem flexibler wird und Erzeugung sowie Verbrauch von Strom sich ausgleichen. Dies gelingt, wenn Flexibilitätspotenziale genutzt und mithilfe von Marktplattformen gesteuert werden. Die Flexibilisierung von Haushaltslasten und von industriellen Prozessen ist in den meisten Fällen technisch lösbar. Jedoch werden bislang wenige Potenziale genutzt. Gründe sind unter anderem fehlende Investitionen in Flexibilisierung, mangelnde Digitalisierung von Gebäuden sowie mangelnder regulatorischer Rahmen. Gleichzeitig werden lokale Marktplattformen bis heute kontrovers diskutiert.

SINTEG hat gezeigt, dass kleinteilige Flexibilitätspotenziale wie bspw. E-Mobilität und Wärmespeicher vor allem bei der Vermeidung von lokalen Netzengpässen zukünftig eine Rolle spielen können. So handelt es sich bspw. bei einem Fahrzeug mit Batterie eher um ein „Stehzeug“, welche in Summe relevante Flexibilitäten aufweisen. Gerade Quartiere können durch eine vorhandene Infrastruktur und einheitliche Speichersysteme eine gute Voraussetzung für die Nutzung von Flexibilitäten aufweisen. Dennoch liegen bei der Entwicklung von Quartierskonzepten Hemmnisse vor, wie lange Genehmigungsverfahren, komplizierte Geschäftsmodellen und fehlende ökonomische Anreize. Die SINTEG-Schaufenster haben außerdem verdeutlicht, dass technische Lösungen wie bspw. Smart Meter vorhanden sind, jedoch mangelt es an einer Mess- und Steuerungsmöglichkeit des Stromverbrauchs sowie einem Mechanismus zur Prognose des Netzzustands. Um Flexibilitätspotenziale zukünftig nutzen zu können, bedarf es konzeptioneller Ansätzen wie unter anderem der Schaffung von Anreizen und Flexibilitätsmechanismen, Standardisierung sowie einem verstärkten Ausbau von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT). Wichtige Erkenntnisse aus SINTEG sind, dass die Nutzung von Flexibilitäten nur gelingt, wenn alle betroffenen Akteure miteinbezogen werden.

Themenblock Digitalisieren || Digitalisierung als Enabler der Energiewende

Mit der fortschreitenden Energiewende findet ein Wandel statt – von der Energieversorgung durch vorrangig wenige zentrale Kraftwerke hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung durch zahlreiche dezentrale Akteure. Damit steigt der Bedarf an einer konstanten Überwachung und effizienten Koordinierung zwischen Energieerzeugern, Netzbetreibern und Energieverbrauchern entlang der Energiewertschöpfungskette. Die Digitalisierung des Energiesystems ist für die Energiewende entscheidend. Denn es wird künftig darauf ankommen, das gesamte Energieversorgungssystem mit allen Netzebenen intelligent und sicher zu verknüpfen und somit eine zunehmend resiliente und autonome Energiegewinnung zu ermöglichen.

SINTEG hat verdeutlicht, dass es noch große Herausforderungen zu bewältigen gibt: nicht nur technische Lösungen sind gefordert, sondern auch mehr Governance. Dies bedeutet Fachwissen auf- und ausbauen, Fachkräfte ausbilden sowie neue Geschäftsmodelle entwickeln. In diesem Kontext spielen auch Datenschutz und Datensicherheit eine große Bedeutung. Datenräume gilt es so aufzubauen, dass ein klares technisches und rechtliches Regelwerk vorliegt. In den SINTEG-Schaufenstern konnten wichtige Erkenntnisse zur Digitalisierung des Energiesystems gewonnen werden – die Digitalisierung ist zwar komplex, aber es ist von großer Bedeutung, sie nicht komplizierter zu machen, sondern einfache Lösungen umzusetzen.

Themenblock Partizipieren || Akzeptanz von Zukunftstechnologien

Die Energiewende ist in vielfältige sozioökonomische Strukturen eingebettet. Mit der Erneuerung des Energiesystems werden sich institutionelle Settings, kommerzielle Anwendungen, das private Konsumverhalten und der gesellschaftliche Umgang mit Energie und Technologien weiterentwickeln müssen. Die Transformation des Energiesystems in Deutschland kann also nur gelingen, wenn eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung vorhanden ist und Beteiligung ermöglicht wird. Außerdem können Reallabore als Experimentierspielräum für neue Innovationen im Zuge der Energiewende eine bedeutende Rolle einnehmen. Gerade Branchenakzeptanz ist zentral für Breitenwirksamkeit und das Marktpotenzial von Innovationen.

SINTEG hat gezeigt, wie wichtig es ist, in die Kommunen zu gehen und mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen – denn jeder kann Teil der Energiewende sein. Die Schaufenster haben über diverse Formate wichtige Pionierarbeit geleistet: Je nach Untersuchungsgegenstand wurden neue Technologien, innovative Produkte, Anwendungen und Geschäftsmodelle unter realen Bedingungen gemeinsam mit den zukünftigen Nutzerinnen und Nutzern ganz unter dem Motto “Testen und Dazulernen” erprobt und auch evaluiert. Gerade das Zuhören von Endnutzerinnen und Endnutzer offenbart oft zentrale Nutzungs- und Anwendungsaspekte. Wichtige Erfolgsfaktoren für Akzeptanz und Partizipation stellen die Kontinuität und Langfristigkeit der Bürgerbeteiligung sowie das verwendete Narrativ dar. Kommunen können eine wichtige Schnittstelle  zur Bevölkerung bilden, indem sie Quartiersentwicklungskonzepte oder die Installation Erneuerbarer Energien-Anlagen klug mit Beteiligung verbinden und so Akzeptanz vor Ort fördern. Eine Herausforderung ist hierbei, dass Klimaschutz bislang keine kommunale Pflichtaufgabe darstellt.

Wie geht es weiter? Netzwerk SINTEG-Förderprogramm

Das Netzwerk der fünf Schaufenster bildet die gesamte Wertschöpfungskette der neuen Energiewelt ab – einschließlich Energiewirtschaft, Industrie, digitaler Dienstleistungen und Forschung. In den Schaufenstern konnten wichtige Ergebnisse über die Zukunft der Energiewende gewonnen werden, allein über 500 wissenschaftliche Veröffentlichungen nehmen Bezug auf SINTEG. Dr. Ralf Sitte, Referatsleiter im BMWK, betont in der Abschlussrede zum Fachkongress: „SINTEG lebt weiter, in dem die Ergebnisse und Empfehlungen weiter genutzt werden und das Netzwerk bestehen bleibt.“ Über die Plattform wirsinteg.de und die SINTEG-Gruppe auf Linkdin können Sie sich mit Expertinnen und Experten aus den SINTEG-Schaufenstern vernetzen, Fragen stellen und Projektideen einbringen.

Übersicht Referent:innen SINTEG-Fachkongress

Themenblock Flexibilisieren

Blitzvortrag: “Mit Flexibilität die Transformation des Strommarktes stemmen – über Potenziale, Anwendungsfelder und Markttrends” - Robert Buch, Bundesverband Neue Energiewirtschaft, Geschäftsführer

Paneldiskussion: Flexibilität und der Markt: Brauchen wir ein „Sofortprogramm“ Lastflexibilität?

  • Katharina Umpfenbach, Ecologic Institute, Coordinator Energy
  • Rainer Stock, Verband Kommunaler Unternehmen e.V. (VKU), Bereichsleiter Netzwirtschaft der Abteilung Energiewirtschaft
  • Johanna Kardel, Head of Regulatory Affairs Energy, Elli – Eine Marke der Volkswagen Gruppe
  • Dr.-Ing. Severin Beucker, Borderstep Institut, Gründer und Gesellschafter
  • Moderation: D. Karoline Steinbacher, Guidehouse Associate Director Ergebnissynthese

Paneldiskussion: „Digitale Serviceplattformen und Flexmärkte als Enabler der Integration dezentraler Flexibilitätsoptionen?“

  • Dr.-Ing. Jessica Stephan, Bergische Universität Wuppertal, Leiterin der Forschungsgruppe „Energiemärkte und Flexibilitätsmanagement“
  • Dipl.-Ing. Joachim Walter, Transferstelle für Rationelle und Regenerative Energienutzung Bingen (TSB), Leitung Geschäftsbereich
  • Alexander Krautz, Next Kraftwerke, Head of Business Development
  • Dipl.-Ing Simon Köppl, Forschungsstelle für Energiewirtschaft e.V. (FfE) München, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Leiter der Bayerischen Koordinationsstelle Reallabore
  • Moderation: Dr. Christian Nabe, Guidehouse Associate Director, Projektleiter Ergebnissynthese

 

Themenblock Digitalisieren

Blitzvortrag: „Die Energiewende als riesiges IT-Projekt. Über Fortschritte und Herausforderungen bei der Digitalisierung unseres Energiesystems.“ - Dr. Ole Langniß, Geschäftsführer Langniß Energie & Analyse

Paneldiskussion: „Energie- und IT-Branche müssen zusammenwachsen. Wie kann das gelingen?“

  • Andreas Weigand, Stadtwerke München GmbH, Projektleiter Intelligente Wärme
  • Onnen Heitmann, Hamburger Energiewerke GmbH, Referent Innovation und IKT
  • Dr. Ole Langniß, Langniß Energie & Analyse, Geschäftsführer
  • Benedikt Pulvermüller, Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena), Teamleiter Digitale Technologien
  • Moderation: Dr.-Ing. Mathias Uslar, OFFIS, Gruppenleiter im FuE-Bereich Energie

 

Themenblock Partizipieren

Blitzvortrag: „Smart Cities, Smart Grids, Smart Homes – Akzeptanz von Zukunftstechnologien als Herausforderung und Chance für die Energiewende“ - Dipl-Ing. Nicolas Spengler, EAM EnergiePlus GmbH, Projektleiter unIT-e2

Blitzvortrag: „Über die Rolle von Nutzer:innen und multidisziplinären Konsortien für die nachhaltige Transformation des Energiesystems“ - Dr. Tanja Tötzer, Austrian Institute of Technology GmbH (AIT), Senior Expert Advisor

Paneldiskussion: „Praxis und Perspektiven neuer Akzeptanzinstrumente, Partizipationsformate, Dialog und Kommunikationskampagnen“

  • Dipl.-Psych. Jan Hildebrand, Institut für Zukunftsenergie und Stoffstromsysteme (IZES), Arbeitsfeldleiter Umweltpsychologie
  • Frank Glanert, EWE Digital Factory, Abteilung Business Development
  • Dr.-Ing. Stefan Werner, Easy Smart Grid GmbH, Solution Manager
  • Sören Högel, WSW Wuppertaler Stadtwerke GmbH, Leiter Digitale Lösungen
  • Moderation: Thomas Götz, Wuppertal Institut, Co-Leiter des Forschungsbereichs Energiepolitik