Interview

Frau Halbig, bitte beschreiben Sie das Projekt, an dem Sie arbeiten.

Halbig: Seit fast drei Jahren arbeite ich im Projekt NEW 4.0 mit. Dort befasse ich mich aus rechtlicher Perspektive mit der Frage, wie die Region Hamburg/Schleswig-Holstein bis 2035 zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden kann.

Welchen wichtigen Beitrag leistet Ihr Projekt für die Energiewende?

Im Zuge der Energiewende müssen künftig die Systemdienstleistungen von erneuerbaren Energien, aber auch von anderen Akteuren wie Stromspeichern, (großindustriellen) Verbrauchern oder Power-to-X-Anlagen erbracht werden. Einer solchen Transformation im Bereich der Frequenz- und Spannungshaltung steht jedoch oftmals der Rechtsrahmen entgegen, da das Marktdesign an die alte Energiewirtschaft mit thermischen Kraftwerken angepasst war.

In meiner rechtswissenschaftlichen Arbeit analysiere ich unter anderem, welche rechtlichen Vorgaben zur Erbringung von Systemdienstleistungen durch EE-Anlagen bestehen und wie die neuen europarechtlichen Rechtsakte das entsprechende deutsche System beeinflussen. Vertieft befasse ich mich in meiner juristischen Doktorarbeit mit dem Regelreservemarkt, der als Beispiel dazu dient, wie mittels regulatorischer Steuerung wettbewerbliche Märkte in ihrer Technologie- und Akteursstruktur tranformiert werden können.

Gibt es bereits erste wichtige Meilensteine oder Erfolge, die Sie erreicht haben?

Ich publiziere regelmäßig in juristischen Fachzeitschriften und dem NEW-4.0-Blog über meine Ergebnisse. Zudem halte ich auf Fachkonferenzen Vorträge, unter anderem beim NEW-4.0-BarCamp 2018. Da sich viele NEW-4.0-Projektpartner aus technischer und ökonomischer Perspektive mit derselben Thematik beschäftigen, sind meine juristischen Erkenntnisse für sie sehr interessant.

Welche Frage zu Ihrem Job wird Ihnen am häufigsten gestellt – und wie lautet Ihre Antwort?

Ich promoviere derzeit zu Rechtsfragen bezüglich der Gewährleistung einer stabilen Stromfrequenz in den Stromnetzen. Wenn ich einführend die Grundlagen der Stromfrequenz erkläre, höre oft die Frage: „Bist du nicht Juristin?“ Auch wenn es für Außenstehende nicht intuitiv erscheint, aber auch zu diesem Thema bestehen viele regulatorische Marktvorschriften, die sich als Ausgangspunkt für weiterführende juristische Fragestellungen eignen.

Gibt es ein Ereignis in Ihrem Leben, welches Ihren beruflichen Weg oder Ihr Engagement für den Klimaschutz stark beeinflusst hat?

Im Studium habe ich an einem universitären Projekt mit Studierenden aus der ganzen Welt teilgenommen. In einer simulierten Gerichtsverhandlung vor dem internationalen Gerichtshof war ich Anwältin eines fiktiven, durch den Meeresspiegelanstieg untergegangenen Staates. Sind die Bewohner Flüchtlinge im rechtlichen Sinne? Was passiert mit der Staatszugehörigkeit und dem Staat, wenn das Staatsgebiet von Wasser überspült ist? In diesem Rahmen habe ich mich intensiv mit den Auswirkungen den Klimawandels beschäftigt – ein Thema, das mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. So nehme ich auch ehrenamtlich seit 2013 an den UN-Klimakonferenzen teil und setze mich dort für ambitionierteren Klimaschutz ein.

Was begeistert Sie an Ihrem Job?

Als Juristin wendet man üblicherweise bestehendes Recht an. Mich begeistert an meiner Arbeit, dass ich eine Stufe früher ansetze, nämlich bereits an der Entstehung und Verbesserung von Recht mitwirke. Vor allem aber fasziniert es mich, an Lösungen zum Klimaschutz mitzuarbeiten. Die Aktualität und Relevanz der Fragen machen für mich meine Arbeit so attraktiv.

An welchen Stellen in Ihrem beruflichen Alltag stehen oder standen Sie häufig vor Herausforderungen?

Wir können zwar aus unseren rechtswissenschaftlichen Erkenntnissen politische Handlungsempfehlungen entwickeln, letztlich treffen jedoch Politiker die Entscheidung darüber, ob Gesetze geändert werden. Je nach politischem Willen und Fokus auf klima- und energiepolitischen Maßnahmen finden unsere Arbeiten somit mal mehr, mal weniger Resonanz im politischen Diskurs.