Interview

Frau Dr. Haller, bitte beschreiben Sie das Projekt, an dem Sie arbeiten.

Dr. Haller: In einem Team von zirka zehn Personen aus sechs Unternehmen leiten und organisieren wir das Gesamtprojekt C/sells. Ich kümmere mich vor allem um Aufgaben der internen Koordination. Ich bereite zum Beispiel die regelmäßigen Treffen der Teilprojektleiterinnen und -leiter inhaltlich vor. Übergreifende Themen, die für die gemeinsame Zielerreichung wichtig sind, entwickle ich und organisiere dann die entsprechenden Maßnahmen.

Ein Beispiel ist unsere AcCELLerator Tour: 2019 und 2020 haben wir als Gesamtprojektleitung fast alle unsere Demonstrationszellen besucht, die Projekte vor Ort besichtigt und mit den jeweiligen Partnern über die Umsetzung der Energiewende und die Integration der C/sells-Kerninstrumente diskutiert. Dabei habe ich eng mit unseren Regionalkoordinatoren in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen zusammengearbeitet. Aktuell koordiniere ich die Produktion unseres C/sells-Buchs, das wir mit den Gesamtprojektleitern Dr. Albrecht Reuter und Dr. Ole Langniß und den 56 Partnern als gemeinsames Werk zum Ende des Jahres herausgeben wollen.

Welchen wichtigen Beitrag leistet Ihr Projekt für die Energiewende?

Wir wollen mit C/sells zeigen, wie wir mit einem zellulären, partizipativen und vielfältigen Energiesystem die Energiewende gestalten können. Das Energiesystem der Zukunft wird sehr komplex sein, wenn wir anstatt weniger großer Kraftwerke Millionen von Einspeisern, Speichern und flexibler Verbraucher koordinieren müssen. Unser Lösungsangebot, die zelluläre Organisation, haben wir mit zahlreichen Partnern aus den unterschiedlichen Bereichen der Energiewirtschaft diskutiert und weiterentwickelt.

Die Kerninstrumente von C/sells sind das Infrastruktur-Informationssystem, die Organisation intelligenter Netze und regionalisierte Märkte für Energie und Flexibilität. Unsere Demonstrationen in den 35 Zellen setzen diese um und zeigen in der Realität, wie alte und neue Akteure im System zusammenwirken. Unser Auftrag als Projektleitung ist es, die Zusammenarbeit zu ermöglichen und zu erleichtern. Dazu arbeiten wir die wesentlichen Themen heraus, holen die richtigen Leute an einen Tisch, moderieren und kommunizieren nach innen und nach außen.

Gibt es bereits erste wichtige Meilensteine oder Erfolge, die Sie erreicht haben?

In den Teilprojekten und Demozellen gibt es dieses Jahr viele Erfolge zu verzeichnen, die sich in Live-Demonstrationen, neuen Leitfäden oder optimierten Prozessen zeigen. Die Partner vor Ort sind natürlich diejenigen, die nach der intensiven Arbeit der letzten vier Jahre zuerst mit Stolz darauf schauen dürfen. Ein Erfolg unserer Arbeit ist, denke ich, dass wir dazu beigetragen haben, dass inzwischen ein besseres und genaueres Verständnis der Prozesse und Verantwortlichkeiten der jeweils anderen Rollen im Energiesystem besteht. Dass der zelluläre Ansatz nun von mehr Akteuren als vorher durchdrungen und vertreten wird. Nach außen hoffe ich, dass die C/sells Ministerdialoge das politische Gewicht der SINTEG-Schaufenster verstärken können.

Wie erklären Sie Ihren Kindern, was Sie beruflich machen?

Ich zeige ihnen die Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern um uns herum und erkläre, dass diese sauberen Strom aus Sonnenlicht herstellen. Auch die Windräder, von denen wir im Urlaub an der Nordsee besonders viele gesehen haben, tun dasselbe aus Wind. Von diesem sauberen Strom brauchen wir viel viel mehr, so viel, dass wir den Strom aus den Kohle- und Atomkraftwerken gar nicht mehr brauchen.

Das ist toll, denn so können auch unsere Nachbarn und wir auf unseren Dächern Strom herstellen. Damit der Strom auch da ankommt, wo er gebraucht wird, brauchen wir Computer. Das können große Computer sein, die steuern, dass der Strom von der Nordsee zu uns in den Süden kommt, oder kleine, die in ganz normalen Häusern verteilt sind. Das ist alles ganz schön kompliziert, aber es gibt viele schlaue Menschen, die sich damit auskennen und dafür sorgen, dass das alles funktioniert. Mit solchen Menschen arbeite ich.

Was begeistert Sie an Ihrem Job?

Bevor ich bei Dr. Langniß Energie & Analyse angefangen habe, war ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart. In einem großen Projekt mit Forschern von Fraunhofer, Helmholtz und Leibniz haben wir damals Kriterien für nachhaltige Forschungsprojekte erarbeitet. In C/sells sehe ich viele dieser Kriterien umgesetzt, beispielsweise die Transdisziplinarität: Menschen aus verschiedenen Disziplinen und Bereichen der Gesellschaft (Forschung, regulierte Unternehmen, Unternehmen der freien Wirtschaft, Start-ups, Bürgerinnen und Bürger) entwickeln gemeinsam die Lösungen für das Energiesystem der Zukunft. Ich empfinde es als sinnstiftend, mich beruflich mit solchen systemischen Fragen zu beschäftigen. Es motiviert mich, dass viele Menschen das auch so sehen und die Antworten in der Kooperation suchen. 

Gibt es ein Ereignis in Ihrem Leben, welches Ihren beruflichen Weg oder Ihr Engagement für den Klimaschutz stark beeinflusst hat?

Umweltschutz und globale Gerechtigkeit haben mich schon während meiner Schulzeit beschäftigt. Prägend war meine erste Vorlesung an der Universität Tübingen bei Prof. Mosbrugger zur Einführung in die Geoökologie. Er hat uns klar gemacht, dass die Menschheit dabei ist, das Gesicht und das Gefüge der Erde im Zeitraum eines geologischen Wimpernschlags zu verändern. Gleichzeitig sind wir die einzige Art, die diese Entwicklung reflektieren kann und die das Potenzial hat, das kollektive Verhalten zum Schutz der eigenen Lebensgrundlagen zu verändern.

Warum lohnt sich das Engagement für die Energiewende?

Weil es einen Unterschied machen wird, ob wir 1,5 Grad Celsius schaffen werden oder 2 Grad Celsius oder mehr. Es gibt nicht die Entscheidung zwischen Weiter so! und dem absoluten Ökodiktat. Die Energiewende ist eine globale Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen. Wie wir sie angehen, und was wir umsetzen, kann nicht einer allein entscheiden. Es gibt viele Wege und die Menschen können kreativ sein. Darin steckt großes Potenzial, das wir nutzen sollten.