Interview

Frau Dr. Adolf, bitte beschreiben Sie das Projekt, an dem Sie arbeiten.

Dr. Adolf: Bereits heute haben wir oft über 70 Prozent Erneuerbare im Strommix. Die Energie aus Sonne und Wind wird billiger als die aus fossiler Energie. Wir von Lumenion wollen jede Kilowattstunde der fluktuierenden Erneuerbaren kosteneffizient nutzen – und diejenigen Kilowattstunden, die nicht sinnstiftend im Stromsektor verbraucht werden können, speichern und bei Knappheit wieder zur Verfügung stellen und/oder zur Deckung des riesengroßen Wärmebedarfs nutzen. Dafür entwickeln und bauen wir sektorkoppelnde Hochtemperatur-Speicher, die schnell große Mengen Energie aufnehmen, diese günstig speichern und damit kohlenstoffdioxid-, also CO2-frei, Industriebetriebe und Versorger mit Wärme sowie Strom versorgen können.

Welchen wichtigen Beitrag leistet Ihr Projekt für die Energiewende? 

Viele reden von dezentralen Anlagen als wichtigem Baustein einer emissionslosen Energieversorgung. Wir zeigen innerhalb unseres SINTEG-Projekts zusammen mit unseren Partnern der Wohnungsgesellschaft Gewobag und Vattenfall Energy Solutions, wie die Sektoren Wärme und Strom kostengünstig gekoppelt werden. In einem Berliner Wohnquartier integrieren wir dezentral erzeugten Strom netzdienlich für 1.700 Wohneinheiten, zwei Kindertagesstätten und mehrere Gewerbebetriebe. Dazu speichern wir über mehrere Tage Erzeugungsspitzen aus Erneuerbaren platz- und kosteneffizient als Hochtemperatur-Wärme, um sie bedarfsgerecht als Heizwärme, Warmwasser und perspektivisch durch eine Rückverstromung auch als Strom zur Verfügung zu stellen.

Gibt es bereits erste wichtige Meilensteine oder Erfolge, die Sie erreicht haben?

Unser 2,4-Megawattstunde-Quartiersspeicher geht im Frühling 2020 in Betrieb. Zuvor haben wir auf dem Campus der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin Oberschöneweide bereits einen 450 Kilowattstunden großen Prototypen erfolgreich getestet. In weiteren Projekten sollen demnächst Speicher mit 40 Megawattstunden, 600 Megawattstunden und sogar im Gigawattstundenbereich errichtet werden.

Wie erklären Sie auf einer Party, was Sie beruflich machen?

Ich heize der Energiewende ein, indem ich mit Volldampf Industrie und Wärmenetze dekarbonisiere. Auf dem Weg zu einer vollständig auf erneuerbaren Energien beruhenden Versorgung bedarf es einer Technologie, die Energie über mehrere Stunden bis wenige Tage sehr kostengünstig und effizient speichert. Unser Stahlspeicher speichert sehr schnell überschüssige Energie aus Wind und Sonne als Hochtemperatur-Wärme bei bis zu 650 Grad Celsius in einem Stahlkern. Die gespeicherte thermische Energie steht dann bis zu 48 Stunden bei bis zu 550 Grad Celsius zur Verfügung. Auch kann sie bei Bedarf wieder in Strom umgewandelt werden. So gleicht sie Schwankungen bei der immer schwankenden Erzeugung erneuerbarer Energien aus und bringt gleichzeitig CO2-freie Wärme und Strom bedarfsgerecht in den Markt, um damit auch Flexibilitäten anzubieten.

Welche Frage zu Ihrem Job wird Ihnen am häufigsten gestellt – und wie lautet Ihre Antwort?

„Wozu benötigen wir Hochtemperaturspeicher?“ Der thermische Sektor verursacht in Deutschland aktuell über die Hälfte des CO2-Ausstoßes – allein 25 Prozent nur durch Prozesswärme für die Industrie. Insgesamt werden in Deutschland zwei Drittel der stationären Energie als Wärme benötigt – zum Heizen und für warmes Wasser, aber auch für viele industrielle Anwendungen. Denn heute „gewinnen“ wir diese Energie, indem wir Gas oder Kohle verbrennen. Das geht nicht mehr, wenn wir die Erderwärmung auch nur einigermaßen begrenzen wollen.

Wind und Sonnenenergie sind nicht nur sauber, mittlerweile sind sie sogar billiger als Kohle, Öl und Gas – aber sie fallen eben als Strom an – und deswegen sind sektorkoppelnde Hochtemperaturspeicher besonders gut geeignet, sie in unser Energiesystem zu integrieren.

Gibt es ein Ereignis in Ihrem Leben, das Ihren beruflichen Weg oder Ihr Engagement für den Klimaschutz stark beeinflusst hat?

Bevor ich bei Lumenion angefangen habe, habe ich in Brüssel über zwölf Jahre Klima- und Energiepolitik auf EU-Ebene mitgestaltet. Das war eine sehr spannende Zeit, weil mir klar wurde, dass Klima- und Energiepolitik nicht an nationalen Grenzen Halt macht. Es hat mir auch gezeigt, wie viele Möglichkeiten und Potenziale wir heben können, um jetzt unser Klimaproblem mit überschaubarem Aufwand zu bewältigen. Das sind große systemische Fragen, die auf vielen Ebenen nach innovativen Lösungen suchen. Unsere Speicher sind da ein wichtiges Puzzleteil.

An welchen Stellen in Ihrem beruflichen Alltag stehen Sie häufig vor Herausforderungen – und welche Lösungen haben müssen Sie finden? 

Das größte Problem ist, dass die unterschiedlichen Sektoren – Strom, Wärme, Verkehr – nicht nur physisch, sondern auch regulatorisch und wirtschaftlich getrennt sind. Krass formuliert kostet Strom heute 30 Cent pro Kilowattstunde, aber Wärme drei Cent. Das liegt unter anderem an den vielen Abgaben auf Strom, zum Beispiel für den Transport durch die Netze. Deswegen zahlen wir – selbst wenn wir eine „überschüssige“ Kilowattstunde für null Cent aus dem Netz nehmen immer noch zirka 15 Cent an diversen Gebühren. Auch mit 100 Prozent Wirkungsgrad kostet so die thermische Kilowattstunde 15 Cent. Und das, obwohl wir dem Gesamtsystem „einen Gefallen tun“, indem wir das Netz entlasten und die saubere Energie sinnvoll nutzen. Das muss sich ändern.

Was wollen Sie am Ende unbedingt erreicht haben? 

Wir möchten unseren Beitrag leisten, Energiespeicher als festen kostengünstigen Bestandteil der Energiewende zu etablieren. Damit verfolgen wir das Ziel, durch Flexibilität emissionsfreie Energieprodukte abgekoppelt von ihrer Erzeugung dann bereitzustellen, wenn sie benötigt werden. Damit wollen wir auch einen bedeutsamen Beitrag zur Energiewende leisten und CO2 einsparen.

Was wollen Sie beruflich mit Unterstützung der SINTEG-Förderung erreichen?

Mein Ziel ist es, mit unserer Technologie Menschen zu begeistern und zu zeigen, dass die CO2-freie Energieversorgung von Industrie- und Fernwärme-Unternehmen wirtschaftlich machbar ist. Innerhalb unseres Projekts setzen innovative Player die urbane Energiewende partnerschaftlich um. Für diesen innovativen Ansatz bietet SINTEG eine wichtige Plattform, die einerseits die technischen Rahmenbedingungen für eine neuartige systemische Sektorkopplungslösung, als auch die Erprobung für eine großflächige Skalierung bietet. Außerdem unterstützt es die wichtige Kooperation zwischen Start-ups und etablierten Playern in der Energiewirtschaft, was ich als besonders wertvoll empfinde.