Interview

Herr Heilmann, bitte beschreiben Sie das Projekt, an dem Sie arbeiten.

Heilmann: Zusammen mit unserem Praxispartner, dem Energieversorger EAM, forschen wir an der Universität Kassel an der Ausgestaltung des zukünftigen Netzengpassmanagements. In diesem Zusammenhang haben wir eine Handelsplattform für den Einsatz netzdienlicher Flexibilität entwickelt und prototypisch umgesetzt. Den sogenannten „ReFlex“ testen wir momentan anhand realer Netzdaten aus dem mittelhessischen Dillenburg.

Welchen wichtigen Beitrag leistet Ihr Projekt für die Energiewende?

Durch eine zunehmende Durchdringung des Netzes mit schwankenden stromerzeugenden Wind- und Photovoltaik-Anlagen, aber auch durch eine Erhöhung des Elektrifizierungsgrades im Verbrauchsbereich durch die Sektorenkopplung, etwa mittels E-Mobilität und Wärmepumpen, wird es in den nächsten Jahren vermehrt zu Engpässen, speziell auch in den Verteilnetzen kommen. Netzbetreiber benötigen daher verlässliche Instrumente für das Engpassmanagement. Um dies möglichst kostenoptimal zu realisieren, sollten dabei alle Akteure partizipieren. Dies ermöglicht der Ansatz einer (netzdienlichen) Flexibilität-Plattform. Im Grunde helfen wir also möglichst viele Zukunftstechnologien zu möglichst geringen Kosten in das Netz zu integrieren, indem wir eine intelligente Abstimmung der Akteure ermöglichen.

Gibt es bereits erste wichtige Meilensteine oder Erfolge, die Sie erreicht haben?

Mit der Fertigstellung unseres Konzepts Anfang 2019 und der Umsetzung unserer Pilotplattform bis Ende 2019 war bereits ein wichtiger Meilenstein erreicht. Den grundsätzlichen „Proof-of-Concept“ konnten wir damit bereits erbringen. Momentan befinden wir uns in der Phase des Feldtests, aber auch der SINTEG-weiten Diskussion über die Ausgestaltung unseres Konzepts.

Was wollen Sie am Ende unbedingt erreicht haben?

Mit unserer Forschung, speziell auch der Ausgestaltung unserer Pilotplattform als Demonstrator, machen wir theoretische Konzepte sichtbar. Damit schaffen wir eine Diskussionsgrundlage für den Kontakt mit verschiedenen Zielgruppen:

  1. Die interessierte Bevölkerung kann besser verstehen, über welche Probleme wir reden und was sie konkret zur Lösung beitragen können.
  2. Energiewirtschaftliche Akteure können sich frühzeitig auf neue Anforderungen vorbereiten und eigene Lösungen entwickeln.
  3. Der Politik kann man anhand der Demonstratoren besser das Konzept dahinter zugänglich machen. Darauf basierend können Vor- und Nachteile diskutiert werden, um gegebenenfalls notwendige rechtliche Anpassungen zu identifizieren und umzusetzen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Unser Ziel ist es, unseren Beitrag zu einem gesellschaftlich akzeptierten zukünftigen Energiesystem zu leisten. Und als Wissenschaft können wir dies am besten durch die Aufbereitung und das Zugänglichmachen von Wissen sowie die Beteiligung an Branchendebatten.

Wie erklären Sie auf einer Party, was Sie beruflich machen?

Meistens erwähne ich nur, dass ich an der Uni arbeite und im Bereich Energiewirtschaft forsche, da steigen die meisten leider schon gedanklich aus. Allen, die doch interessierter sind, erkläre ich dann – ähnlich der Eingangsfrage – dass ich an Möglichkeiten arbeite, zukünftig Erneuerbare Energien noch besser in das Netz zu integrieren. Meistens muss ich dann erst einmal erklären, was genau eigentlich den Netzbetrieb ausmacht. An solchen Beispielen merke ich, dass das energiewirtschaftliche Basiswissen (also, dass Strom nicht nur aus der Steckdose kommt), leider im Allgemeinen nicht sehr ausgeprägt ist.

Was begeistert Sie an Ihrem Job?

Am meisten begeistert mich die Interdisziplinarität der Branche und die damit verbundene Vielfalt an Herausforderungen, die bearbeitet werden müssen und an Menschen, die diese Probleme lösen. Das bedeutet auch, dass es niemals einen optimalen Zustand, indem also alle Prozesse perfekt funktionieren und alle Akteure zufrieden sind, geben kann. Was sich auf den ersten Blick deprimierend anhört, sollte als Chance gerade für junge, motivierte Energiewirtschaftler verstanden werden. Es sind viele Baustellen zu bearbeiten, die – obwohl es manchmal nicht so scheint – alle darauf abzielen das Energiesystem ein bisschen besser zu machen.

An welchen Stellen in Ihrem beruflichen Alltag stehen oder standen Sie häufig vor Herausforderungen – und welche Lösungen haben Sie gefunden?

Ich glaube das typischste Problem in der Wissenschaft ist der sprichwörtliche Elfenbeinturm. Man beschäftigt sich so lange mit einem Thema, dass man völlig den Bezug verliert, was Allgemeinwissen und Spezial- oder sogar Expertenwissen. Das, in Kombination mit oftmals sehr fachlich spezialisierten Praxispartnern, kann schnell zu Missverständnissen führen. Ich habe mir daher eine sehr offene Kommunikation angewöhnt, die Verständnisprobleme und unterschiedliche Ansichten möglichst frühzeitig aufdeckt und Raum zum Diskutieren gibt. Lieber wird etwas vermeintlich Einfaches einmal mehr erklärt, als dass hinterher nachgearbeitet werden muss. Das klingt selbstverständlich, ist es aber leider im Projektalltag oftmals nicht.

Was ist das Wichtigste, damit die Energiewende zum Erfolg wird?

Meiner Meinung nach ist der wichtigste Baustein für eine erfolgreiche Energiewende die breite Akzeptanz in der Bevölkerung – im Idealfall gesteigert zu einer sogar fordernden Haltung. Erst wenn in der breiten Masse angekommen ist, dass die Energiewende nicht nur eine gut gemeinte Idee, sondern ein absolut notwendiger Schritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft ist, werden auch Politik und Wirtschaft diesen Weg konsequent bestreiten.

In Ihren eigenen Worten: Was macht SINTEG für Sie aus? Und wie hat SINTEG Ihnen auf Ihrem Weg geholfen?

SINTEG ist für mich die Vielfältigkeit der Energiewirtschaft schlechthin, da es wirklich alle möglichen Akteure enthält – von Netzbetreibern und Energieversorgern verschiedener Größe, über Komponentenhersteller, Wissenschaftler und öffentliche Akteure (wie zum Beispiel Kommunen). Obwohl ich schon energiewirtschaftlich geprägt war, hat C/sells mir noch einmal ein viel besseres Verständnis über das Energiesystem als Ganzes und die das Wirken der unterschiedlichen Akteure, vermittelt.

Was wollen Sie beruflich mit Unterstützung der SINTEG-Förderung erreichen?

Wie die meisten wissenschaftlich Tätigen, möchte ich mich persönlich weiterbilden und promovieren, um mich als energiewirtschaftlicher Experte zu profilieren. Wie bereits dargestellt, glaube ich, dass es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten immer etwas zu tun geben wird und dass Experten benötigt werden, die einen möglichst breiten Überblick über die energiewirtschaftliche Landschaft haben. SINTEG hat bei mir dafür den Grundstein gelegt.