Interview

Frau Senner, bitte beschreiben Sie in das Projekt, an dem Sie arbeiten.

Senner: Wir stellen die einzelnen Technologien, deren Flexibilität und ihren Beitrag zum Energiesystem dar. Durch unsere Auswertungen zeigen wir, welche unterschiedlichen Technologien dem Energiesystem der Zukunft helfen können und wie unterschiedlich die Sektoren und Branchen sein können, welche diese Flexibilität bereitstellen.

Innerhalb des Gesamtverbunds stellt unser Teilprojekt die Schnittstelle zwischen den verschiedenen Demonstratoren und den einzelnen Arbeitspaketen dar. Durch den gebündelten Informationsaustausch spart man zum einen Kommunikationsaufwand und zum anderen hilft es bei mehr als 40 Projektpartnern, den Überblick zu behalten. Darüber hinaus stellen wir auch selbst einen Demonstrator zur Verfügung, mit dem wir untersuchen, wie mit Mikro-Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen bereits auf der Haushaltsebene Flexibilität zur Verfügung gestellt werden kann.

Welchen wichtigen Beitrag leistet Ihr Projekt für die Energiewende?

Mit den gesammelten Erfahrungen können wir wichtige Erkenntnisse liefern, die potenziellen Nachahmern helfen können, ebenfalls innovative Technologien einzusetzen.

Gibt es bereits erste wichtige Meilensteine oder Erfolge, die Sie erreicht haben?

Ja, wir haben bisher zwei wichtige Zwischenergebnisse herausgearbeitet.

Zum einen haben wir durch Befragungen und Datenauswertungen Steckbriefe zu den einzelnen Demonstratoren zusammengestellt, die  technische Eigenschaften, Stammdaten und Infrastruktur dokumentieren. Zum Beispiel geben die Steckbriefe Aufschluss darüber, welche Geschäftsmodelle verfolgt werden, welche Technologien verwendet werden, welche technischen Parameter, welche Prozesse und Prognoseverfahren zur Anwendung kommen. Diese Daten dienen als Grundlage für weitere Arbeiten, etwa für übergeordnete Systemanalysen, Entwicklung neuer Flexibilitätsprodukte etc.

Der zweite wichtige Meilenstein war die Zusammenstellung eines sogenannten Datenkatalogs. Das ist ein Werkzeug, das notwendige Datensignale zur Charakterisierung und für die Kommunikation bei Flexibilitätsabrufen ermöglicht. Durch diesen standardisierten Katalog können Flexibilitätsbereitsteller mit ihren unterschiedlichen Technologien an eine gemeinsame Plattform angeschlossen werden.

Wie erklären Sie auf einer Party, was Sie beruflich machen?

„Beruflich rette ich die Welt.“ Dies ist natürlich mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Ich beschäftige mich mit Forschung und Entwicklung rund um Energie und aktuell besonders mit Flexibilitätsbereitstellung und Speichern. Letztere sind sehr wichtig, um mehr erneuerbare Energien ins Energiesystem zu integrieren und somit langfristig auf eine nachhaltigere und klimafreundliche Energieversorgung umzustellen.

Welche Frage zu Ihrem Job wird Ihnen am häufigsten gestellt – und wie lautet Ihre Antwort?

Am häufigsten höre ich wohl die Frage, welche Technologie am „besten“ sei. Diese Frage bezieht sich meist auf das Heizungssystem für den eigenen Keller, aber auch oft darauf, welche die beste Technologie für die Energiewende ist. Und auch, wenn sich die Menschen eine konkrete Antwort, am liebsten natürlich mit Nennung des Modells inklusive Preis, einer Bewertung sowie den Nachweis ausreichender Betriebserfahrung wünschen, muss ich hier leider immer etwas ausholen.

Denn, ob es nun die Energieversorgung des eigenen Hauses, eines Betriebs oder eines kompletten Industriesektors ist, es kommt immer auf die vorliegenden, lokalen Bedingungen an. Jeder sollte sich seine eigenen Bedürfnisse und Anforderungen genau anschauen, die umliegende Infrastruktur prüfen und anschließend entscheiden, nach welchen Kriterien seine Energieversorgungsstrategie optimiert werden soll. Das ist zwar leider keine einfache Antwort, aber zumindest ermuntert es hoffentlich, sich näher mit den unterschiedlichen Möglichkeiten zu beschäftigen.

Was begeistert Sie an Ihrem Job?

Ich finde es spannend, in unterschiedlichen Forschungsprojekten neue Herausforderungen zu finden. Durch die thematische Vielfalt lernt man unterschiedliche Akteure und Rollen sowie deren unterschiedliche Sichtweisen und Motive kennen.

Mich begeistert es immer wieder, neue Technologien kennenzulernen oder bereits bekannte in einem neuen Umfeld mit neuen Anforderungen zu untersuchen. Meine Arbeit verbindet selbständige, teamorientierte, kreative, kommunikative, praktische und theoretische Komponenten und besonders diese Abwechslung macht es einfach nie langweilig.

Gibt es ein Ereignis in Ihrem Leben, das Ihren beruflichen Weg oder Ihr Engagement für den Klimaschutz stark beeinflusst hat?

Meine Diplomarbeit habe ich damals über die Konzeptionierung einer Biogasanlage in Ghana geschrieben, wo ich auch eine Zeit vor Ort war. Es war sehr herausfordernd dort eine Energieversorgung zu planen, die sowohl nachhaltig erbaut als auch betrieben werden sollte und sich in den Alltag der Dorfbewohner integrieren ließ.

Die Nutzung von organischen Abfällen und lokal wachsenden Pflanzen zur Energiegewinnung passte dort einfach ideal in die dezentrale Struktur. Ich empfand es damals schon als wichtig, in einem Land, in dem die Infrastruktur noch nicht so gut ausgebaut ist, direkt ein nachhaltiges Konzept zu entwickeln, damit dort der Ausbau konventioneller Kraftwerke vielleicht gar nicht erst in einem hohen Maß stattfindet muss. Außerdem wusste ich nach dem Aufenthalt erstmal richtig zu schätzen, wie stabil und zuverlässig die Energieversorgung in Deutschland funktioniert.

Was wollen Sie am Ende unbedingt erreicht haben?

Am Ende möchten wir zeigen, dass die Flexibilitätsbereitstellung mit unterschiedlichsten Technologien und in vielen Branchen möglich ist. Dabei gibt es nicht immer ein Standardverfahren, sondern es kommt auf die jeweilige Infrastruktur und die regionalen Gegebenheiten an. Wir werden zeigen, welche Technologien unter welchen Bedingungen besonders gut zur Flexibilitätsbereitstellung geeignet sind und welche Erfahrungen die Anlagen-Betreiber während der Projektlaufzeit im Aufbau und Betrieb sammeln konnten.

Was ist aus Ihrer Sicht das Wichtigste, damit die Energiewende zum Erfolg wird?

Grundsätzlich können unterschiedliche Technologien in unterschiedlichen Sektoren zum Einsatz kommen. Deshalb ist es für eine strategische Entwicklung wichtig, in der Anfangszeit regulatorische Rahmenbedingungen vorzugeben, um den innovativen Technologien auch die Möglichkeit zu geben, in einigen sinnvollen Bereichen einem funktionierenden Geschäftsmodell nachgehen zu können.

Damit dabei die Planungssicherheit nicht völlig außer Acht gelassen wird, ist es hilfreich, im Vorfeld große Demonstrationsvorhaben zu realisieren, die zum einen die technische Eignung nachweisen, aber auch die Gelegenheit geben, regulatorische Experimentierklauseln auszuprobieren. Des Weiteren ist die Entwicklung digitaler Prognose- und Service-Tools ein wichtiger Begleiter bei der Energiewende, da nur diese das Monitoring von Energiedaten, die Handhabbarkeit der zunehmenden Dezentralität und die Prognose zukünftiger Flexibilitäten möglich machen.