Interview

Herr Stübs, bitte beschreiben Sie das Projekt, an dem Sie arbeiten.

Stübs: Zukünftig sollen tausende elektrische Geräte miteinander in intelligenten Stromnetzen, sogenannten Smart Grids, kommunizieren. Da die Mess- und Steuerungsgeräte zu unterschiedlichen Organisationen gehören können, müssen sie sich gegenseitig authentisieren und „ein Vertrauensverhältnis“ aufbauen: Hierum geht es im Kern meiner Forschungsarbeit. Denn die Energiewende und die Öffnung der Energiemärkte in Richtung einer Dienstleistungsökonomie führen dazu, dass immer mehr Akteure mit teils gegensätzlichen wirtschaftlichen Interessen aufeinander stoßen.

Beispielsweise sind Verbraucher an einem niedrigen Strompreis interessiert, während Erzeuger einen hohen Strompreis bevorzugen. Die Interessenkonflikte werden dadurch verkompliziert, dass die Stromerzeugung demokratisiert wird, also viele kleine Anlagen zusätzlich ans Stromnetz angeschlossen werden und sich zukünftig zu dynamischen Anlagenverbünden zusammenschließen können sollen.

Zentrale Ansätze stoßen da an ihre Grenzen. Also erforschen wir dezentrale Lösungsansätze und untersuchen Bedrohungsszenarien und Herausforderungen, die sich durch die beschriebenen Veränderungen ergeben. Mit dem selbstentwickelten Simulationsframework OpenDISCO untersuchen wir, welche Steuerungsalgorithmen den modellierten Angriffen standhalten und ob die Algorithmen robust genug sind, um etwa fehlerhafte Messwerte oder abbrechende Kommunikationsverbindungen ausgleichen zu können.

Gibt es bereits erste wichtige Meilensteine oder Erfolge, die Sie erreicht haben?

Aufbauend auf den identifizierten Herausforderungen haben wir ein Schulungskonzept entwickelt und im Februar eine erste Pilot-Schulung durchgeführt. Im Sinne des forschenden Lernens arbeiten wir mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Projekt auch an aktuellen Forschungsfragen und diskutieren Lösungen für die Anforderungen an das jeweilige Sicherheitsmanagement ihrer Organisationen.

Was begeistert Sie an Ihrem Job?

Besonders wichtig im Projekt NEW 4.0 ist mir der Austausch mit den verschiedenen Expertinnen und Experten aus den beteiligten Unternehmen, Forschungslaboren und Universitäten. Ich habe viel über die Perspektiven der Energieerzeuger, Stromlieferanten, Netzbetreiber und Regulierungsbehörden gelernt. Die Sicherheit kritischer Infrastrukturen, wie in diesem Fall der Elektrizitätsversorgung, wurde so von verschiedenen Seiten beleuchtet. Für nachfolgende Projekte wünsche ich mir, dass IT-Sicherheit nicht als abgetrenntes Thema behandelt wird. Alle Arbeitsgruppen sollten sich damit auseinandersetzen, Prozesse so zu entwickeln, dass die Datenflüsse darin auf höchstem Datenschutzniveau und resilienten Schutzkonzepten realisiert werden können.

Was wollen Sie am Ende unbedingt erreicht haben?

Bis Ende der Projektzeit arbeiten wir noch an zwei Konzepten, um die Interoperabilität, also die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, zwischen den Akteuren zu steigern. Erstens entwickeln wir ein Konzept, wie die eingesetzten technischen Geräte gegenseitig ihre Zugangsberechtigungen organisationsübergreifend prüfen können. Zweitens erforschen wir datengetriebene Kommunikationsmodelle, mit denen selbst-steuernde Stromnetze effizienter und robuster untereinander Nachrichten austauschen können.

Gibt es ein Ereignis in Ihrem Leben, das Ihren beruflichen Weg oder Ihr Engagement für den Klimaschutz stark beeinflusst hat?

Wie sehr es eine Gesellschaft auf sich selbst zurückwerfen kann, wenn „kritische“ Infrastrukturen nicht verfügbar sind, habe ich früh auf unseren Wanderungen und Zeltlagern bei den Pfadfindern erfahren. Auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein und dabei noch die Natur zu schützen sind starke Motive, die mich bis heute prägen. Heute trage ich mit meiner Arbeit dazu bei, IT-Sicherheitsvorfällen und kritischen Stromnetzzuständen vorzubeugen.

Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, sich im Vorneherein klar zu machen, auf was man vorbereitet sein will. Bestimmte IT-Angriffe lassen sich verhindern, etwa indem man alle Nachrichten mit Signaturen versieht oder indem Steuerbefehle mittels eines Mehrheitsprinzips nicht einseitig ausgelöst werden können. Aber nicht alle Angriffe lassen sich vorhersehen. Die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungsvorgängen im Fall eines Fehlers bleibt deswegen eine zentrale Anforderung für die Sicherheit in dezentralen Organisationsstrukturen.

Was macht SINTEG für Sie aus?

Mich begeistert an SINTEG, dass wir konkrete Fragestellungen für eine bessere und demokratischere Zukunft behandeln. Wir konnten im Laufe des Projekts NEW 4.0 schon spannende technische Antworten entwickeln, beispielsweise ein Konzept für die Selbstorganisation im Sinne der Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch in Microgrids und eine dazugehörige kryptographische Schlüsselverwaltung. Am Schluss geben wir mit unseren Lösungen wichtige Impulse an die Politik zurück –  und das motiviert.

Was ist aus Ihrer Sicht das Wichtigste, damit die Energiewende zum Erfolg wird?

Natürlich bin ich mir bewusst, dass die Energiewende sich nicht darauf beschränken darf, Effizienzsteigerungen zu realisieren. Zum Glück rückt bei den Diskussionen die Notwendigkeit ressourcenschonender Maßnahmen mit in den Fokus, weil die Energiewende nur ein kleiner Baustein ist, um der Klimakrise zu begegnen.

Es wird in Zukunft gleichermaßen Forschungsarbeit und politisches Engagement notwendig sein, um unsere Gesellschaft zu einer Subsistenz- und Kreislaufwirtschaft weiterzuentwickeln. Ich hoffe, dass bald noch entschlossenere Maßnahmen zur Klimagerechtigkeit und zum Schutz unseres Planeten erkämpft werden. Mein Appell an alle Projektpartner ist daher, die Klimakrise immer wieder neu an erste Stelle auf die Tagesordnung der Entscheidungsprozesse zu rücken.