Interview

Herr Prof. Beba, bitte beschreiben Sie das Hauptforschungsthema in Ihrem Schaufenster.

Prof. Beba: Der Klimawandel und seine Folgen sind eine der größten Herausforderungen der Zukunft. Die Weltbevölkerung wird laut Prognosen von aktuell ca. 7,5 Mrd. Menschen auf rund 9,8 Mrd. Menschen im Jahr 2050 und etwa 11,2 Mrd. Menschen in 2100 ansteigen – besonders in den Ballungszentren. Durch dieses Wachstum wird sich u. a. der Energiebedarf weltweit bis 2050 knapp verdreifachen. Die Konsequenz: Ein dramatischer Anstieg der CO2-Emissionen um 60 Prozent, die wiederum wesentlichen Einfluss auf die globale Erderwärmung haben.

Das Ziel muss es daher sein, Konzepte und intelligente Technologien zu entwickeln, die das weltweite Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft und den daraus resultierenden Energiebedarf zu entkoppeln und durch CO2-arme Technologien zu ersetzen. Dafür steht das Schaufenster NEW 4.0, eine Projektinitiative aus rund 60 Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in Hamburg und Schleswig-Holstein, die in einem länderübergreifenden Großprojekt eine nachhaltige Energieversorgung realisieren und zugleich die Zukunftsfähigkeit der Region stärken will. Unser Name ist dabei Programm: „NEW“ steht für die Norddeutsche EnergieWende und „4.0“ beschreibt die Schwelle zur vierten industriellen Revolution: die Digitalisierung, die durch eine intelligente Vernetzung erneuerbarer Energieträger bei der Energiewende eine zentrale Rolle spielt.    

Unser gemeinsames Ziel ist es, die Gesamtregion bis 2035 zu 100 Prozent mit regenerativem Strom zu versorgen – versorgungssicher, kostengünstig, gesellschaftlich akzeptiert und mit wesentlichen CO2-Einsparungen.

Welchen wichtigen Beitrag leistet Ihr Schaufenster für die Energiewende?

NEW 4.0 soll aufzeigen, dass die Energiewende machbar ist. Eine sichere Versorgung und wirksamer Klimaschutz in einem funktionierenden Markt zu vereinen und den Rückhalt der Gesellschaft zu schaffen – das ist der 360-Grad-Anspruch von NEW 4.0. Konkret wollen wir den Entwicklungspfad erproben, die gesamte Projektregion bis 2035 zu 100 Prozent mit regenerativem Strom sicher zu versorgen. Unsere rund 60 Partner bilden dabei eine wirkungsvolle pluralistische „Innovationsallianz“ für das Jahrhundertprojekt Energiewende mit gebündeltem Know-how, unterstützt von den Landesregierungen beider Bundesländer. Gemeinsam sorgen wir bei NEW 4.0 für einen wirksamen und nachhaltigen Klimaschutz und fungieren als „Leuchtturmprojekt“ mit Strahlkraft auch jenseits der Modellregion. Zudem bildet das Projekt ein „Schaufenster“ für die Machbarkeit des 2-Grad-Celsius-Ziels.

Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben als Gesamtprojektleiter?

Verbundvorhaben bieten eine exzellente Chance, große Innovationen zu realisieren. Entscheidend ist, das breite Kompetenzspektrum der unterschiedlichen Partner zusammenzubringen und zu verbinden. Jeder Partner und jedes Unternehmen hat aber auch eine eigene Kultur, die respektiert werden muss. In NEW 4.0 haben wir auf dieser Basis eine gemeinsame Kultur der Zusammenarbeit, der Identifikation geschaffen: eine Innovationsallianz, die gleiche Ziele verfolgt. Meine Aufgabe ist es, diese Ziele sowie die inhaltliche Richtung vorzugeben, jedoch auch genügend Flexibilität zu bieten, damit sich Ideen und Gedanken frei entfalten und entwickeln können. Transparenz zu schaffen ist eine meiner Kernaufgaben. Nur so können alle Fäden zusammengehalten werden.   

Gibt es bereits erste wichtige Meilensteine oder Erfolge, die Sie erreicht haben?

Es gibt zahlreiche Meilensteine. Wir haben beispielsweise mit 200 Megawatt Flexibilisierung und Speicherung ein beachtliches Flexibilitätspotenzial geschaffen. Wir demonstrieren außerdem, welche Potenziale die Industrie für die Energiewende und einen wirksamen Klimaschutz bietet. Es sind funktionsfähige Marktplattformen geschaffen worden, die Netzengpässe reduzieren und Energieflüsse intelligent steuern können, um Erzeugung und Verbrauch bei 100 Prozent erneuerbarer Energien in Einklang zu bringen. Wir sind den nächsten wesentlichen Schritt gegangen und haben die Energiewende für die Sektoren Mobilität und Wärme erprobt. Und: Wir haben gelernt, welche Erfolgsfaktoren für die Schaffung eines gesellschaftlichen Rückhalts maßgeblich sind – mit dem Ergebnis, dass NEW 4.0 eine wichtige Rolle bei der Akzeptanz für die Energiewende in unserer Region spielt.

Darüber hinaus haben wir in der ersten Feldtestphase die einzelnen Anwendungsfälle im November 2019 unter Realbedingungen erprobt. An diesem Feldtest nahmen insgesamt 15 NEW-4.0-Partner teil und betrieben ihre Lösungen und Anlagen gleichzeitig, um die Auswirkungen auf das Gesamtsystem zu betrachten. Ein besonderer Fokus lag dabei auf den NEW-4.0-Demonstratoren: innovative Technologien, die in den Monaten davor in Betrieb genommen wurden und jetzt erstmals im Zusammenspiel agierten – vom Industriebetrieb über den Batteriespeicher bis zum flexiblen Endverbraucher.

Was begeistert Sie an Ihrem Job?

Einen Beitrag für eine der größten Herausforderungen der Zukunft zu leisten und Menschen zusammenzuführen, die die Motivation teilen, Lösungen für die Zukunftsfrage Energie- und Klimawende zu entwickeln und zu teilen. Meine Motivation ziehe ich aber auch aus meiner Leidenschaft für meine Aufgabe und aus der Zusammenarbeit mit einem hochmotivierten Team, das sich mit unserem Projekt und unseren Zielen identifiziert. Außerdem begeistert es mich, jeden Tag neu von anderen Projektpartnern zu lernen.   

Wie sieht ihr Alltag aus: Was machen Sie als Erstes, wenn Sie ins Büro kommen? Was als Letztes?

Als Erstes, wenn ich ins Büro komme, begrüße ich alle Mitarbeiter und wünsche allen einen guten und erfolgreichen Tag. Danach hole ich mir einen Kaffee und starte den ersten Jour Fixe des Tages.

Was wollen Sie am Ende unbedingt erreicht haben?

Am Ende des Projekts soll die Norddeutsche EnergieWende beispielhaft für andere deutsche und europäische Regionen sein. Wir sehen NEW 4.0 quasi als „Blaupause“ für die Energiewende. In dem Praxisgroßtest wollen wir dabei zeigen, welche einzigartige Chance die Energiewende darstellt und wie die notwendige Transformation des Energiesystems gelingen kann. Unser Ziel ist die Energieversorgung der Region zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien sowie der Aufbau einer innovativen Digitalstrategie.

Was ist aus Ihrer Sicht das Wichtigste, damit die Energiewende zum Erfolg wird?

Die technische Voraussetzung für die Umsetzung einer erfolgreichen Energiewende, das hat unser Projekt NEW 4.0 gezeigt, sind gegeben. Aus diesen Erkenntnissen heraus muss jetzt im nächsten Schritt die Weiterentwicklung des regulatorischen Rahmens erfolgen. Denn soll die nächste Phase der Energiewende in Deutschland erfolgreich bewältigt werden, ist dringend eine weitere Anpassung des Rechtsrahmens erforderlich. Auch für die Erprobung eines funktionierenden Marktmodells müssen die Rahmenbedingungen, insbesondere in regulatorischer Hinsicht, wesentlich verbessert werden.

Was macht SINTEG für Sie aus? Und wie hat SINTEG Ihnen auf Ihrem Weg geholfen?

SINTEG ist in meinen Augen ein herausragendes Programm. Das Zusammenwirken aller SINTEG-Partner in Verbindung mit der Komplementarität der verschiedenen Lösungsansätze macht dieses Förderprojekt so einzigartig. Es bietet aber auch eine großartige Hilfe für zahlreiche neue Projekte. SINTEG und NEW 4.0 bilden beispielsweise die Plattform für unser neues Großprojekt „Norddeutsches Reallabor“. Unser tief greifendes Systemverständnis, das wir in NEW 4.0 erworben haben, ist eine exzellente Startvoraussetzung für die Entwicklung konsequenter Sektorkopplung mit Wasserstoff.     

Was wollen Sie beruflich mit Unterstützung der SINTEG-Förderung erreichen?

Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich bisher beruflich erreicht habe. Es bietet genug Raum für neue innovative Lösungen und Projekte, die einen Beitrag für einen wirksamen Klimaschutz leisten.